An(ge)dacht

Roseli

Ich spüre Kraft fürs Leben. Ich genieße das Leben. Gerade im Frühling, wenn die Tulpen und Osterglocken sich ans Licht schieben und Farbe in die Beete tupfen. Dann ist es, als male einer die Erde neu, viel schöner, als jeder Künstler es könnte. Doch: Wenige Tage nur, dann trocknet die Blüte der Osterglocke und die farbigen Blätter der Tulpe biegen sich nach außen und fallen zu Boden.  Manchmal ist es, als hielten die welkenden Blumen mir einen Spiegel vor. Er zeigt mir mich und mein eigenes Leben. Auch ich bin vergänglich. Nichts auf der Erde ist für ein Bleiben gedacht. Unvorstellbar erscheint mir darum, was der Monatsspruch verheißt: Dass die verwesliche Saat eine unverwesliche Ernte hervorbringen könnte, die nicht vergeht. Dass einer dem Leben Dauer verleiht. Und doch soll es schon einmal geschehen sein. Ostern. Da stand einer auf aus dem Grab. Gott malt uns damit ein Dasein vor Augen, das bleibt. Und wir sehen, was werden soll: Leben, das den Tod überwindet, kein Schmerz mehr, kein Leid, kein Geschrei. Nein, vorstellbar ist das nicht. Doch manchmal wage ich es, zu vertrauen. Dann lasse ich mich fallen in das Versprechen, das von anderswoher kommt – aus einer Welt jenseits meiner Vorstellungskraft. 

Ich lehne mich an die Hoffnung, für die sich ein Größerer verbürgt als wir Menschen. Und ich spüre, wie ich Kraft gewinne für das fragile und doch so wunderbare Leben in der verweslichen Welt. Kraft, um es zu lieben, zu hüten und zu bewahren. 
 
 

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