Aktuelles

Pfr. Dirk Sterzik

Liebe Gemeinde,

 

als Gott seine Nachmittagsrunde dreht und rechts hinterm Bahnhof in diese kleine Seitenstraße einbiegt, deren Namen er sich nie merken kann, sieht er Frieda. Frieda mit dem Blümchenkleid. An ihren Armen hängen Tüten. Eine Menge Tüten, mehr Tüten, als sie eigentlich tragen kann. Sie sind prall gefüllt, und es sind Tüten von abgetragener Art. Dass sie nicht neu sind, sieht Gott sofort. Dass keine Einkäufe darin liegen, keine Äpfel, die Frieda zuhause in eine Schale legen wird. Der Rücken von Frieda ist rund vom vielen Arbeiten und auch sonst. Bestimmt schneiden die Tüten Kerben in ihre Hände. Gott beschleunigt seinen Schritt. »Darf ich?«, fragt er, als er sie eingeholt hat. Frieda sieht auf. In ihrem Blick blitzt Erstaunen auf; aber auch ein Erkennen, als seien sie einander irgendwann schon einmal begegnet. Falten durchziehen ihr Gesicht, furchengleich. Unmöglich zu schätzen, wie alt Frieda ist. Aber sie lächelt. »Ach«, sagt sie, und vielleicht will sie fortfahren und etwas sagen wie: Nicht nötig. Es geht schon. Aber sie zögert, und während dieses Zögerns nimmt Gott ihr vorsichtig eine Tüte ab und dann noch eine, so richtig gentlemanlike; das hat Frieda schon lange nicht mehr erlebt. Die Sonne scheint an diesem Nachmittag und trotzdem ist die Straße leer. Zwei Tauben streiten um ein halbes Rosinenbrötchen, im Rinnstein liegt eine leere Coladose. Sonst ist nichts Besonderes zu sehen. Nur die beiden, wie sie dastehen. Gott und Frieda. »Da hat sich viel angesammelt«, sagt Frieda, als wolle sie sich entschuldigen. Viele Erinnerungen, unangenehme Erinnerungen (die schönen, die bewahrt Frieda woanders auf). Grübeleien, die nicht abgeschlossen sind. Ungelöste Fragen. Wirres Zeug, schweres Zeug. Sehr schweres Zeug. »Man weiß ja gar nicht, wohin damit.« Frieda zieht die Schultern hoch. »Jetzt schleppe ich das eben mit mir herum. Was soll man machen?« Gott nickt, als wisse er genau, was sie meint. »Darf ich?«, fragt er noch einmal. Vielleicht fasst sie Vertrauen zu ihm, denn er hat sanfte Augen, jedenfalls gibt sie auch die restlichen Tüten eine nach der anderen ab. Bis sie da steht mit leeren Händen. Aber leicht, sehr leicht. Wie Flügel heben sich ihre Schultern. Gott lächelt ihr noch einmal zu, und dann geht er davon. »Aber«, ruft Frieda, »Sie können doch nicht ... Was wird denn mit den schweren Sachen?« »Schon gut«, ruft Gott, bevor er hinter der nächsten Ecke verschwindet. »Ist schon gut. Vergessen Sie’s!« Liebe Gemeinde, diese Geschichte von Susanne Niemeyer habe ich vor einiger Zeitentdeckt und mich von ihr berühren lassen. Ich hatte Frieda sehr bildlich vor meinen Augen. Ich sah sie stehen mit all ihren Tüten in ihrem Blümchenkleid. Sicherlich hatte sie   schon   einiges   erlebt.   Schönes   und   weniger   Schönes,   Anregendes   und Alltägliches. Sie schleppt die belastenden, bedrückenden Dinge mit sich herum. Mitsolchen schweren Tüten kann man nicht leichtfüßig durchs Leben schreiten. Sieschneiden Striemen in die Hände. Liebe Gemeinde, wohl jeder von uns kennt das auch. Wir alle haben manches erlebt, dass wir mit uns herum tragen, das uns im wahrsten   Sinn   des   Wortes   belastet,   uns   nieder   drückt.   Trotz   noch   so   großer Anstrengung lassen sich manche Erfahrungen einfach nicht auflösen oder ablegen. Sie sind einfach da. Das ist ebenso! Oder?

Gott will uns unsere Lasten abnehmen. Er lädt uns ein: Kommt zu mir, ich will euch Ruhe schenken! Legt eure Lasten in meine Hände! Ich bin für euch da! Vertraut mir die   schweren   Dinge   eures   Lebens   an!   Ist   das   nicht   tröstlich   und   regelrechterleichternd? Wir dürfen uns unsere Lasten abnehmen lassen. Ohne Scham! Ohne Gegenleistung!  Einfach so! Weil Gott uns liebt! Liebe Gemeinde, ich wünsche uns allen solche entlastenden Momente mit Gott, damit wir wie Frieda die Leichtigkeit des Lebens immer wieder erfahren dürfen.

Bleiben Sie gesund und behütet.

Herzlichst Ihr Pfarrer Dirk Sterzik

 

All eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch. 1. Petrus 5,7

 

 

 

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